Wer als Spaziergänger am Heiligendammer Strand an der Perlenkette vorbeiläuft, sieht hinter den Häusern Bischofsstab und Anker Teile einer weiteren Villa. In ihrer vollen Pracht ist die „Villa Prinzessin Reuß“ jedoch erst von der Prof.-Dr.-Vogel-Straße aus zu sehen. Ihren Namen hat die Villa von Prinzessin Viktoria Feodora von Reuß, die 1889 in Potsdam als einzige Tochter von Heinrich XXVII. von Reuß-Schleiz und Elise zu Hohenlohe-Langenburg geboren wurde. Am 24. April 1917 ehelichte sie Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg-Schwerin (Sohn von Friedrich Franz II.) in Gera. Vermutlich wohnte das Paar in Bad Doberan und Heiligendamm – zumindest hat es in Heiligendamm wohl oft Ferien gemacht und dann standesgemäß in der „Villa Prinzessin Reuß“ gewohnt, die bereits um 1910 erbaut wurde. Besonders tragisch: Die Ehe währte nicht lange, da Viktoria Feodora bei der Geburt der gemeinsamen Tochter Woizlawa Feodora starb, die am 18. Dezember 1918 in Rostock das Licht der Welt erblickte. Beigesetzt wurde sie auf dem Waldfriedhof in Bad Doberan. Adolf Friedrich heiratete 1924 erneut. Er ehelichte die Witwe seines Halbbruders Elisabeth zu Stolberg-Roßla. Es ist anzunehmen, dass er deshalb die Villa Feodora am Stülower Weg (heutige Kreismusikschule), die wohl auch im Besitz der Familie war und denselben Baustil wie die „Villa Prinzessin Reuß“ aufweist, zu seinem dauerhaften Wohnsitz umgebaut hat.

Sonderstellung

Die Historie machte immer einen Bogen um die „Villa Prinzessin Reuß“. Sie wurde bereits in den geschichtlichen Aufzeichnungen Adolf Nizzes verschwiegen. Die Gründe für diese Sonderstellung könnten sein, dass sie am Rand der zweiten Reihe liegt oder in ihrem Baustil nicht gut einzuordnen ist. Selbst in der nationalsozialistischen Zeit war sie nicht Gegenstand der Enteignung, und auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Villa nicht Teil des Kurbetriebs in der DDR. Nachweislich wurde die Villa Sitz eines Reisebüros der DDR und beherbergte Mitarbeiter der Volkspolizei. Nach der Wende, als das Bundesvermögensamt Heiligendamm übernahm, ging die Villa an die Treuhand und wurde an eine Doberaner Familie verkauft, die auch das „Haus Bischofsstab“ erwarb. Das Haus wurde ein paar Jahre als „Residenz Hotel“ betrieben. Schließlich kaufte die Entwicklungs-Compagnie Heiligendamm (ECH) das Gebäude.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bis hin zum Ersten Weltkrieg entstanden auch in Deutschland viele Gebäude in einem barockartigen Spätjugendstil. In diesen Baustil lässt sich auch die „Villa Prinzessin Reuß“ einordnen. Für diesen Stil ist typisch, dass die Fassade nicht symmetrisch wirkt. Im Äußeren wirkt die Villa sehr repräsentativ, der Baukörper ist plastisch durchgebildet, vor- und rückspringende Volumina wirken durch Licht und Schatten verstärkt.

Geschlossener Stil

Wesentlich verhaltener als im reinen Barockstil wurden schmückende Bauglieder wie etwa Gesimse und Balustraden eingesetzt. Auf diese Weise entstand ein geschlossener Stil, der sich auszeichnet durch Repräsentation, Anspruch und Eleganz. Auch im Inneren zieht sich dieser Stil durch und ist teilweise noch heute trotz der erfolgten Umbauten gut zu erkennen. Über die breite Eingangstreppe im Flur betritt man das Erdgeschoss und erreicht die großzügige Eingangshalle. Die Decke und die Wände sind mit fein gemasertem und dunkel gebeiztem Holz von erlesener Qualität verkleidet. Die Räume in diesem Geschoss sind so durchdacht angeordnet, dass sie alle bei Bedarf miteinander verbunden werden können. Ebenso die große Terrasse gen Osten, die den Innenraum vielleicht an lauen Sommerabenden erweiterte.

Neben allen anderen Villen entlang der Prof.-Dr.-Vogel-Straße ergänzt die „Villa Prinzessin Reuß“ die Vielfalt der Baustile in Heiligendamm. Auch bei dieser Villa ist es der Entwicklungs-Compagnie ein Anliegen und eine Verpflichtung, sie in Zukunft grundlegend zu sanieren und historische Merkmale zu erhalten oder zu rekonstruieren.